Seit 25 Jahren gibt der renommierte Farben-Hersteller Pantone jährlich einen Farbton bekannt, der als Farbe des Jahres gilt. Trendforscher und Modeexperten stecken ihre schlauen Köpfe zusammen und knobeln aus, was in der kommenden Saison wohl am ehesten am Puls der Zeit ist und die allgemeine Stimmung widerspiegelt.
Ihre Wahl hat weitreichende Konsequenzen für die Modebranche. Man sieht die Gewinnerin dieses Wettbewerbs schon bald auf den Laufstegen und mit etwas Verzug in den Geschäften. Nur dieses Mal nicht – 2026 finden Sie die tolle brandneue und hochmoderne Pantone-Farbe in Ihrem Kleiderschrank. Sehr wahrscheinlich.
Als ich 2018 gerade mein Interesse an Mode entdeckt hatte, war Ultraviolett zur Farbe des Jahres auserkoren. Heute kann ich nur spekulieren, ob mir die Farbberaterin diesen leuchtenden Ton empfohlen hat, weil er so en vogue war – meinen Teint schmeichelt er nicht.
Es folgten 2019 Living Coral, ein Korallen-Rot mit Apricot-lastiger Töung und 2020 Classic Blue, Dunkelblau – etwas leuchtender als man es bei der Bezeichnung erwarten würde. Schon fast konservativ, ein Farbton, der im Logo von Versicherungen und Banken vorkommt. Nichts aufregend Neues, aber für viele Menschen gut tragbar und vor allem eine diskrete Grundlage für Experimente mit Akzenten.
In den Corona-Jahren wären die Pantone-Jahres-Farben dazu angetan gewesen, uns bei Laune zu halten. Aus Sicht der Farbpsychologie ist es spannend zu betrachten, worauf die Wahl der Jury fiel:
2021 als die meisten Menschen in Angst waren, kam ein zitroniges Quietschgelb zum Zug. Illumination lautet seine Pantone-Bezeichnung. Ein leuchtender Stimmungsaufheller, der zu der Zeit für viele von uns ganz dringend nötig war. Drei Jahre später fand man auffallend viele gelbe Taschen und Kleidungsstücke im Second Hand. Der Trend war offensichtlich ein Hit gewesen. Obwohl dieser schrille Neon-Ton für die meisten Frauen leider gar nicht schmeichelhaft ist. Deshalb haben sich die Damen von dem modischen Sonnenschein wieder getrennt als das Bedürfnis nach innerer und äußerer Freiheit wieder auf Normalmaß angekommen war.
Die aktuelle Variante von Lavendel nannte man in 2022 Very Peri – davon habe ich in meinem Freundeskreis wenig gehört auch in den Geschäften nicht viel gesehen. 2023 kam dann Viva Magenta aufs Siegertreppchen des Pantone-Instituts.
Aus Sicht des Farbpsychologen Prof. Max Lüscher zeigt die Wahl von Magenta ein erhöhtes Bedürfnis nach Lebensfreude. Die konnte wir alle 2023 gut gebrauchen, nachdem endlich wieder Partys und kulturelle Veranstaltungen frei zugänglich waren.
Mit Peach Fuzz in 2024 – einem pastelligen Pfirsisch-Ton – und Mocha Mousse 2025 – einem gedämpften mittelhellen Braunton, der die Herzen der Schokoladenliebhaber höher schlagen lässt – kehrte aus meiner Sicht auch bei den Mode- und Trend-Farben wieder Normalität ein.
Und nun das: 2026 soll ein Off-White – Weiß, aber leicht gedämpft, wie ein Wolkenschleier über dem Himmel – in die Geschäfte und Kleiderschränke einziehen. Dabei ist es dort schon längst. Was haben sich die Pantone-Leute dabei gedacht?
Seit einigen Jahren gibt es All-White-Partys, bei denen gar keine anderen Farben erwünscht sind. Doch nicht nur im Ganzkörper-Outfit, sondern auch partiell sollen wir uns in Cloud-Dancer-Weiß hüllen. Aha. Mit Hinblick auf die psychologische Wirkung ist eine Reprise des Themas von 2021 . Denn auch Weiß vermittelt ein Gefühl von Freiheit, Leichtigkeit und Heiterkeit. So wie Gelb nur milder, leiser, dezenter.
Die weiteren Interpretationen der Jury, wie „Frieden“ und „Ruhe“ sind ein wenig aus der Luft gegriffen – wie so oft, wenn Modeleute sich in Psychologie versuchen. Ein Gefühl von Frieden und Ruhe vermitteln vor allem Blautöne – das ist unabhängig vom kulturellen Kontext auf dem ganzen Planeten so.
Die Eigenschaften friedlich und ruhig werden dem WASSER-Element zugeordnet. Weiß hingegen ist LUFTig. Beide Elemente sind rezeptiv, also aufnehmend, ordnen sich unter und passen sich an. Das haben sie gemeinsam. Doch LUFT ist verspielter, lebendiger und gestaltungsfreudiger. Darin liegt die Besonderheit von Weiß: Es tritt in den Hintergrund und macht allen anderen Farben, Mustern, Oberflächenstrukturen und Schnittformen Platz.
Diese Botschaft liefern Sie im unausgesprochenen Untertitel mit. Falls Sie zum Ausdruck bringen wollen, dass Sie lieber anderen den Vortritt lassen, ist All-White eine sinnvolle Ansage. Es gibt Menschen, für die Rücksichtnahme und Bescheidenheit ganz oben in ihrer Wertehierarchie stehen. Dann passt das.
Selten wirkt ein Materialmix so präsent wie in einer All-White-Kombination, kommen Schnitte so gut zur Geltung und lenken Akzentfarben so konkurrenzlos den Blick. Weiß – das Gegenteil von Schwarz, so wie Luft im Gegensatz zu ERDE – kennt keine Grenzen. Luft dehnt sich aus soweit man sie lässt. Alles ist möglich und kann frei gestaltet werden. Beschränkungen, Konventionen und Regeln sind aufgehoben.
Wer also Weiß großflächig zur Schau stellt, zeigt sich in hohem Maße zugänglich, tolerant und formbar – bis zur Selbstaufgabe. Wenn Sie das wollen – greifen Sie zu! Ansonsten braucht es einen schlauen Ausgleich, wenn man den Modetrend mitmachen will. Wer die Spannung aushält und zu wessen Stil es passt, verwendet als Gegenpol standfeste Materialien, klassische Schnitte oder geometrische Muster bzw. Oberflächen – und bringt so etwas ERDUNG ins Outfit.
Vermeiden Sie bei all der ätherischen Anmutung jeden Eindruck von „Elfe“ – es sei denn, Sie verkörpern genau diesen Stiltyp. Bleiben Sie beispielsweise wuchtig bei den Schuhen oder beim Schmuck. Setzen Sie auf bodenständige Materialien wie Jeans oder Wolle und auf schwere Stoffqualitäten.
Der letzte Schrei ist, Off-White mit anderen Weiß-Tönen zu tragen, z.B. Champagner, Eierschalen oder ähnlichem. Das kommt dann gut, wenn Ihr natürlicher Helligkeitskontrast sehr gering ist. Sonst würde ich davon eher abraten.
Modern kombiniert sich Cloud Dancer übrigens mit neutralen Farben wie Braun – haben Sie noch ein Mocha Mousse Teil aus dem letzten Jahr im Schrank? Es wäre ein guter Weggefährte für das Off-White. Oder mit Beige, Dunkelblau und bei manchen Farbtypen wirkt auch Olive-Grün neutral. Schwarz als Ergänzung wird tendenziell eher in geringer Dosis beigemischt. Der Kontrast ist mega heftig, den Schneewittchen-Look können sich nur wenige Frauen leisten. Wer lieber natürlich rüberkommen will, findet eine andere Lösung.
Wenn Sie Weiß mit irgendeiner anderen Farbe kombinieren, beachten Sie, dass die hellere Fläche im Outfit in den Blickpunkt rückt und größer wirkt als die dunklere Fläche. Es sei denn, Sie arbeiten mit Knallfarben. Ihr Leuchten drängt sich dann in den Vordergrund. Wählen Sie daher mit Bedacht, wohin Sie die Aufmerksamkeit lenken wollen und welche Körperpartie gerne ein bisschen größer erscheinen soll als sie ist.
Und wenn Sie eher ein dunkler Farbtyp sind? Dann integrieren Sie bei Bedarf einen winzigen Farbtupfer Cloud Dancer in Ihr Ensemble, z.B. als Brosche oder Tasche oder in Form eines Shirts, das im Ausschnitt Ihres Pullis hervorblitzt. Auch echte Perlen sind eine schöne Möglichkeit, gebrochenes Weiß zu zeigen.
Wie immer gilt: Sie müssen gar nichts! Passen Sie sich nicht so weit den Trends an, dass Sie Ihren persönlichen Stil aus dem Auge verlieren. Spielen Sie ein bisschen mit den Varianten und finden Sie, was zu Ihnen passt.
Oder schieben Sie den ganzen Hype beiseite. Einfach drauf zu pfeifen ist auch luftig 🙂
Was in der Modebranche zum Trend ausgerufen wird, beeinflusst die Massen. Nicht nur in ihrem Kaufverhalten, auch in ihrem Erleben. Farbpsychologie wirkt. Und die Designer wissen das ganz genau.
Laufen Sie deshalb nicht immer der Herde hinterher, wenn sie gerade mal wieder die Richtung ändert. Was die Menschen von sich aus wollen, bildet sich in zeitlosen Farben, Schnitten, Mustern und Materialien ab. Der Rest ist gemacht. Man kann alles mitmachen. Aber man kann sich auch dafür entscheiden, ein Individuum zu bleiben. Und trotzdem dazuzugehören. So wie man eben ist. Einzigartig.
Text: Petra Weiß
Bild: mit Liebe und KI gemacht
