Glaubenssätze erkennen und ablegen – der Schlüssel zu mehr Freiheit in Mode und Leben
Warum übt das Einkaufen von Kleidung aus zweiter Hand auf immer mehr Menschen solch eine Anziehungskraft aus? Ich mag nicht glauben, dass es nur darum geht, Geld zu sparen. Als Psychologin beleuchte ich in diesem Beitrag andere Gründe für den Trend.
Wenn ich meine eigene Begeisterung unter die Lupe nehme, könnte der Faible seinen Ursprung in der Schnäppchenjagd haben. Es kann genauso gut um Nachhaltigkeit gehen oder darum, einen besonderen Schatz zu ergattern. Vermutlich spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Im Grunde ist mein Anliegen nicht nur in der psychologischen Praxis, sondern auch in der Farbberatung und in meinem modischen Privatleben auf den Selbstausdruck und die Selbstwertschätzung ausgerichtet.
Mode und Psychologie
Ich denke in Analogien und betrachte solche Dinge immer auf der psychologischen Ebene. Worum geht es hier im übertragenen Sinne? Schauen wir uns beispielsweise die sogenannten „Schrankhüter“ an. Das sind ungetragene Kleidungsstücke, die in den hinteren Regalen unserer Kleiderschränke ein trostloses Dasein fristen. Sie gehören zwar zu uns, werden aber nicht genutzt. Wenn wir nur wüssten, wie wir sie sinnvoll in unsere Garderobe einbetten, könnten sie uns vielleicht wertvolle Dienste erweisen.
Mich erinnert das an Persönlichkeitsanteile, die unterdrückt werden und in Vergessenheit geraten sind. Sich damit zu befassen, ist nicht nur eine persönliche Angelegenheit. Der Effekt im Kleinen wirkt sich in Summe auf unsere Gesellschaft aus. Wir überwinden die Spaltung im Außen, durch das Auflösen unserer inneren Spaltung. Und dann kehrt Frieden ein.
Grundsätzlich ist eine wertschätzende Haltung hilfreich: Was einmal für wert befunden wurde, zu uns zu gehören, darf einen Platz haben. Natürlich kostet es mehr Mühe, das Vorhandene unterzubringen, als es durch Neues zu ersetzen. Übertragen wir die Erlebnisse vor dem Kleiderschrank auf den Bewusstseinsprozess, dann geht es in der Analogie um nichts Geringeres als die Selbstwertschätzung.
Trennung oder Integration?
Bei der Inspektion von Schrankhütern, stellen wir häufig fest, dass ein Teil von Anfang an eigentlich unpassend war, Vielleicht sind wir einem Modetrend hinterhergelaufen. Oder wir folgten einem (falschen) Vorbild. Solche Erkenntnisse sind überaus nützlich. Sie befreien uns nicht nur von der Notwendigkeit, etwas Nutzloses zu behalten. Sondern sie geben Aufschluss darüber, wie wir nicht sind.
Ärgern Sie sich also nicht über das Auffinden von „Verkleidungen“ in Ihrem Schrank. Freude und Dankbarkeit wäre angemessene Reaktionen. Daher schmeißen Sie das Teil nicht einfach weg. Bieten Sie es im Freundeskreis an oder verkaufen Sie es über einen Second-Hand-Laden. Es darf noch einmal in wertschätzende Hände gelangen.
Halten Sie Ausschau nach bisher selten getragenen Kleidungsstücken in Koffern, Kisten und Regalen. Experimentieren Sie ein bisschen damit herum. Möglicherweise gelingt es Ihnen, das ein oder andere Teil in ein schickes Ensemble einzubetten. Der Prozess regt das Unterbewusstsein an, Seelenanteile in die Ganzheit Ihrer Persönlichkeit einzubinden, die bisher ein Schattendasein führten.
Übergehen Sie nicht Ihr inneres STOP-Schild. Wenn das Experiment ein klares Nein in Ihnen hervorruft, ist auch das eine hilfreiche Einsicht. Nehmen Sie wahr, wie Ihr Körper sich anfühlt, welche Emotionen und Gedanken hochkommen, wenn Sie sich diese Abgrenzung gegen Unpassendes erlauben. Lassen Sie sich Zeit und setzen Sie sich dabei keinesfalls unter Druck. So eine Kleiderschrank-Inventur ist ja kein Marathon-Wettbewerb.
Starten Sie mit einer einfachen Übung. Heben Sie sich das Meisterstück für später auf. Beginnen Sie mit einem Seidentuch, nicht mit dem Brautkleid oder der Lederjacke aus Studienzeiten. Bewahren Sie eine spielerische Herangehensweise mit Neugierde und Forschergeist. Erleben Sie bewusst den Vorgang zur Unterscheidung zwischen „gehört zu mir“ und „gehört nicht (mehr) zu mir“.
Blick zurück
A propos Neugierde: Dass Persönlichkeitsanteile in den Hintergrund getreten sind, kann zahlreiche Gründe haben. Oft wird uns eine Eigenschaft als Kind aberzogen, weil sie unbequem für die Erwachsenen ist oder weil Eltern glauben, sie würde später Probleme mit sich bringen. Entdeckerfreude, Bewegungsdrang oder ein starker Wille fordern Eltern, Erzieher und Lehrer heraus.
Eigenwilligkeit und Willensstärke sind höchst anstrengende Eigenheiten bei Kindern. Neugierde gehört ebenfalls zum gesunden Kindsein, kann im Alltag aber lästig sein. Hartnäckiges Hinterfragen hat schon so manches Elternteil genervt. „Warum, warum, warum?“
Trotzdem dienen diese Eigenschaften dem Einzelnen und der Menschheit als Ganzes. Denn ihr Gegenteil ist in seinen Folgen nicht erstrebenswert: Was geschieht, wenn Menschen in der Mehrheit die Gegebenheiten nicht mehr hinterfragen, sehen wir allenthalben.
Manche Wesenszüge, die in der Kindheit nicht willkommen waren, können uns im Erwachsenenalter durchaus dienen. Das können Sie im Rahmen einer Psychoanalyse herausfinden. Oder Sie werfen einen Blick in Ihren Kleiderschrank.
Bitte bemerken Sie mein Zwinkern und meinen schmunzelnden Tonfall. Natürlich macht Ihre Kleiderschrank-Inventur den Gang zum Psychologen oder Psychiater bei Bedarf nicht überflüssig. Doch die Auseinandersetzung mit Mode unterstützt den Bewusstseinsprozess. Auf diese Weise ist Kleidung ein Wegweiser zu lange verschütteten Eigenarten.
Haben Sie Ihre Kinderbilder noch im Zugriff? Ein Blick darauf kann sehr erhellend sein. Betrachten Sie Ihre Kleidung von damals. Welche Farben, Muster, Stoffe und Schnitte erkennen Sie wieder? Wann haben Sie aufgehört, solche Sachen zu tragen? Und warum? Oder gibt es sie noch?
Praktischer Nutzen
Warum sollten Sie sich mit Ihrer „zweiten Haut“ befassen? Wenn wir ganz alltägliche Probleme lösen, stärkt das unser Erleben von Eigenkompetenz. Je Öfter wir die Erfahrung machen, dass wir mit Herausforderungen umgehen können, desto sicherer fühlen wir uns. Wir entwickeln die begründete Zuversicht, dass wir auch die nächste Aufgabe meistern werden. Unser Selbstvertrauen wächst im praktischen Tun.
Wer schon einmal ein Haus renoviert, ein Möbelstück restauriert oder so etwas selbst gebaut hat, weiß wovon ich spreche. Dabei werden auf ganz natürliche Weise unsere Fähigkeiten geschult, Entscheidungen zu treffen, mit Unerwartetem umzugehen, Niederlagen zu verkraften, sich den Gegebenheiten anzupassen, über Umwege zum Ziel zu gelangen und vieles mehr. Kleidung als Interessengebiet für solche Übungen ist im Wortsinne naheliegend. Wir alle haben damit täglich zu tun.
Zurück in die Ankleide
Die Wertschätzung für vergessene Hüte, Hosen oder Hemden in den dunklen Gefilden des Schranks dient unserer Achtung vor den unbeleuchteten Ecken unserer Seele. Vielleicht müssen wir sie gar nicht leugnen oder ausgrenzen. Möglicherweise lassen sie sich heute in unser Leben gewinnbringender einbinden, als erwartet. Probieren Sie es aus.
Während Sie Ihren abgeliebten Poncho betrachten, fragen Sie sich:
- Womit verbinde ich dieses Kleidungsstück?
- Was bedeutet es mir?
- Fallen Ihnen denkwürdige Ereignisse ein, zu denen Sie den Fummel vor 20 Jahren getragen haben?
- Welche Gefühle rufen diese Erinnerungen hervor?
- Gibt es da noch etwas zu befrieden?
- Oder wollen Sie im Gegenteil, dass die Zeit dort stehenbleibt, weil sie so schön war?
Nehmen Sie sich für diese Fragen Zeit.
Die Antworten, die nun in Ihnen aufsteigen, führen zu mehr Verständnis. Bleiben Sie aufrichtig. Nicht alles wird Ihnen gefallen, dem Sie hier begegnen. Aber der Prozess lohnt sich. Daraus erklären sich die Gründe, die Schrankleiche nicht zu tragen, ebenso schlüssig wie das Nicht-Loslassen derselben.
Beispiel Biker-Feeling
Eine alte Motorradjacke ist schon seit zehn Jahren zu eng, um sie zu schließen. Und seit fünf Jahren hat ihre Besitzerin keine Runden mehr auf zwei Rädern gedreht. Warum nur bleibt das ehemalige Lieblingsteil ungenutzt im Schrank? Hat das gute Stück die Freiheit konserviert, die ihr einst beim Biken zuteil wurde? Vielleicht lässt sie Jacke in Zukunft einfach offen, sie braucht sich ja beim Stadtbummel oder in der Kneipe nicht vor dem Fahrtwind zu schützen.
Wenn man will, findet man Möglichkeiten. Sogar bürofein können Sie heutzutage Lederjacken kombinieren, z.B. mit Bleistiftrock und Bluse. Biker-Look und Romantik? Geht auch: Man kann die Jacke zum Blumenkleid tragen, wenn man der Blümchen-Typ ist und ein Rocker-Gen besitzt. Ein gekonnter Stilmix macht das Outfit spannend – vorausgesetzt, man hat beide Stilanteile in der eigenen Persönlichkeit. Dann dient er dem authentischen Selbstausdruck. Sonst wirkt das eher albern. Hier ist die Frage, ob der jeweilige Stil wirklich zu mir gehört, wesentlich.
Wicki und das Tiermuster
Das Leo-Kleid im Allover-Print trage ich niemals, weil es für mein Empfinden viel zu viel Feuer-Element repräsentiert. Wenn ich solche Teile trotzdem immer wieder kaufe, ist das ein Hinweis darauf, dass etwas in mir wilder ist, als ich gemeinhin zu erkennen gebe.
War ich als Kind eine unerschrockene Wikingerin, der kein Baum zu hoch war? Bin ich mit 10 aus dem Kirschbaum gefallen, habe mir die Schneidezähne ausgeschlagen und einen gehörigen Schreck erlebt, so dass ich fortan meine Abenteuerlust gemäßigt habe?
Vielleicht kann ich diese wilde Seite in einer altersgemäßen Weise wiederbeleben. Man muss ja nicht gleich auf Bäume klettern. Eine winzige Dosis Animalprint als Applikation am Schuh oder als dezentes Tuch an der Handtasche setzen vielleicht den letzten Mosaikstein für ein rundes Bild, das alle Facetten der Persönlichkeit zeigt.
Wenn ich eine höhere Dosis Tierisches vertrage, kann ich die Wildkatze im Oberteil durch einen Blazer zähmen und mithilfe von Perlenschmuck veredeln, so dass sie für den klassischen Stiltyp (er-)tragbar wird. Lässigere Stiltypen würden dem Raubtier mit einer Jeansjacke und einfachen Turnschuhen eine gute Portion Bodenständigkeit verleihen.
Verstehen Sie das Prinzip? Was uns gestern lieb und teuer war, darf bleiben und wird dem heutigen Stand der Entwicklung angemessen integriert. So erfährt es eine Würdigung, die sich weit über die Auswahl und den Einsatz unserer Kleidung hinaus erstreckt.
Ich wünsche uns allen, dass wir das Eigene wieder mehr zu schätzen lernen und es geschmeidig in unser Selbstbild einfügen, um unsere Einzigartigkeit angemessen in die Welt zu bringen.
Viel Freude bei Ihren Versuchen, mit Kleidung oder anderen kreativen Ansätzen gestalterisch ihren authentischen Selbstausdruck zu finden.
Ersterscheinung 2021 im LICHTBLICK-Blog
Text: Petra Weiß
Bild: KI-Generiert
